Er spürt die Wärme des heißen Tees durch den Metallbecher und seine Handschuhe. Seine Hände umklammern das warme Getränk als wäre es sein letztes. Das Atmen fällt ihm in 1500m Seehöhe schwer. Umgeben von einer weißen Schneewand haben sich er und seine k.u.k Armee-Kameraden eingegraben. Mit dem Rücken an das weiße Bollwerk gelehnt sitzt er auf seinem Soldatenhelm, so friert der Hintern nicht, hat ihm sein Waffenbruder erklärt. Sein Herz ist erstarrt von den vielen Schrecken die er in diesem Krieg gesehen hat. Seine Gedanken sind wie ein Gewitter, bei denen jeder Donner eine weitere Grausamkeit ans Licht bringt. Sein Maschinengewehr ist immer bei ihm, jederzeit bereit dem Feind zu begegnen. Die Alpen bieten ihnen eine perfekte Deckung gegen die frontal anstürmenden italienischen Truppen. Tausenden versuchen täglich die Stellungen der Österreich-Ungarischen Armee zu erobern. Vergebens! Er kann es kaum erwarten den ersten warmen Schluck von seinem Tee zu trinken. Langsam und vorsichtig schlürft er eine erste Kostprobe davon. In seinem Mund macht sich eine Wärme breit, die ihn wieder ein Stück Hoffnung verspüren lässt. Plötzlich hört er aus der Ferne ein Geräusch. Obwohl es leise ist, haben die Worte viel Kraft in sich: „Angriff!“ Der Tee samt dem Becher fliegen in den Schnee. Im nächsten Moment nimmt er seinen Gegner ins Visier und ladet das Maschinengewehr durch. Das Gewitter in seinem Kopf bringt einen letzten Gedankenblitz hervor. Er erinnert sich, wie frisches Blut im Schnee aussieht.

Unser Gehirn ist ein erstaunliches Organ und beherbergt noch immer viele Geheimnisse. In deinem Kopf herrscht ein immerwährendes Tauziehen der Persönlichkeiten und das wiederum bestimmt dein Leben. Im folgenden Blog wirst du erfahren, wie dich dein Gehirn belügt und für dich Entscheidungen trifft. Was das für Auswirkungen auf dein Leben hat und wie du dir mehr Klarheit über dein Selbst machen kannst, erfährst du im folgenden Artikel.

Für Ruhm und Vaterland!

Ein Stolleneingang in den Alpen.
Gebirgskrieg 1914 – 1918

Unser unbekannter Protagonist diente in dem vier Jahre andauernden Gebirgskrieg (1914 – 1918) zwischen Österreich-Ungarn und Italien. Es sollte eine der verlustreichsten Kriegsfronten des Ersten Weltkriegs sein. Italien sah eine Chance darin seine Territorialansprüche an Triest, gegenüber dem von der Ostfront geschwächten Habsburgerreich durchzusetzen. Die Politiker Italiens mobilisierten durch ihre Kriegspropaganda eine Arme von über 900.000 Mann. „Für Ruhm und Vaterland“ war eine der Parolen. Die Bevölkerung Stand hinter dem Vorhaben. Familien schickten ihre Väter und Söhne in die Schlacht. Doch die Italiener unterschätzten die erfahrenen k.u.k. Armeen, die sich in alpinen Festungen verbarrikadiert hatten. Schlacht um Schlacht versuchten die 1ª Armatat mit Frontalangriffen die Frontlinien der Habsburger zu durchbrechen. Immer größere Versprechen von einem Sieg wurden von der italienischen Führung gemacht und das Volk folgte diesen. 12 Schlachten später hatte Italien keine territorialen Erfolge verbuchen können, über 800.000 Mann verloren ihr Leben und Italien stand kurz vor dem Zusammenbruch. Ein perfekter Nährboden für Benito Mussolini und seine Faschisten.

Warum halten Menschen an solchen Plänen fest? Spätestens nach den ersten drei Schlachten mit über 200.000 Toten auf beiden Seiten möchten man glauben, dass ein Umdenken passieren sollte. Ganz im Gegenteil, wie uns die Entscheidungsforschung zeigen sollte. Es gilt, je größer das Opfer, desto größer der Glaube an das Vorhaben.

Doch warum ist das so? Warum leben wir lieber mit einer Lüge, anstatt uns die Wahrheit einzugestehen. Die Antwort: In unseren Kopf gibt es mindestens zwei ICH´s. Diese bestimmen unbewusst, welche Entscheidung wir treffen werden. Unsere Erinnerungen bestehen zu einem großen Teil aus Geschichten, die sich unser Gehirn zusammenreimt.

Das Tauziehen der Storyteller.

Daniel Kahneman, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, sollte in seinen Experimenten[1] zeigen, dass in uns ein Tauziehen der Storyteller herrscht, welches unsere Wahrnehmung zur Gänze bestimmt.

In einem dieser Experimente untersuchte Kahneman und sein Team das Schmerzempfinden von Darmspiegelungen. Diese schmerzhafte Prozedur bereitet Ärzten schon lange Kopfzerbrechen. Sollten sie lieber einen schnellen und dadurch außerordentlich schmerzhaften Eingriff vornehmen, oder lieber vorsichtig vorgehen, weniger Schmerzen erzeugen, aber dafür die Untersuchungsdauer erheblich verlängern? Daniel Kahneman ließ bei seinem Experiment die Probanden jede Minute die Schmerzintensität auf einer Skala von 0 bis 10 Messen, wobei 0 keinen Schmerz und 10 unerträgliche Schmerz bedeutete. Nach der Behandlung sollten die Patienten das Gesamtschmerzniveau angeben, ebenfalls in einer Skala von 0 bis 10. Man möchte jetzt meinen, dass die Patienten innerlich die Skalen zusammenzählten und den Mittlerwert bildeten und so den Gesamtschmerz angaben. Ganz im Gegenteil. Die Dauer und die Anzahl der Schmerzen hatten keine Auswirkungen auf den Gesamt-Schmerz-Wert. Lediglich der höchste Schmerz und das Schmerzniveau zum Schluss bestimmten den Endwert. Die Forscher nennen dieses Bewertungskriterium das „Spitzenwert-Endwert-Verhältnis“(SEV).

Das mag auf den ersten Blick keine Bedeutung haben, doch diese Erkenntnisse erschüttern die Entscheidungsforschung. Die Experimente von Kahneman zeigen, dass in unserem Kopf mindestens zwei Ich´s existieren. Das Erlebende Selbst und das Erinnernde-Selbst.

Mach mit mir folgendes Gedankenexperiment. Würdest du lieber deinen Traumurlaub machen mit der Bedingung, dass du nach deiner Rückkehr eine Pille schlucken musst, die dich den ganzen Urlaub vergessen lässt oder würdest du lieber an einer Sightseeingtour durch deine Heimatstadt teilnehmen? Was die meisten Menschen bei dieser Befragung antworteten, wird dich nicht überraschen, dazu gleich mehr.

Erlebendes-Selbst

Das Erlebende-Selbst ist unser auf den Augenblick konzentriertes Bewusstsein und lebt im Moment. Für dieses Selbst ist die längere Darmspiegelung zu vermeiden. Das Erlebende-Selbst erinnert sich aber nicht an Vergangenes und wird bei der Entscheidungsfindung nicht zurate gezogen.

Erinnerndes-Selbst

Das Erinnernde-Selbst ist unser ganz privater Geschichtenerzähler. Es bezieht seine Geschichten vom Erlebenden-Selbst vergisst allerdings vieles und interpretiert Dinge hinzu. Dieses Selbst bewertet Erlebnisse nach dem SEV. Dies bedeutet, dass das Erinnernde-Selbst die Dauer eines Erlebnisses ignoriert, sich nur an die Intensität der Gefühle am Höhepunkt und am Ende erinnert und daraus den Mittelwert berechnet. Dieser bestimmt dann die Entscheidungsfindung für zukünftige Ereignisse.

Das bedeutet, dass man Ärzten nach der Darmspiegelung empfiehlt den Patienten einen leichten Schmerz beizufügen und das hat dann Auswirkungen auf den Mittelwert und das Gesamtempfinden der Behandlung. Veterinäre und Kinderärzte kennen diesen Effekt und haben zum Schluss ihrer Behandlung, immer einen Leckerbissen oder eine Süßigkeit für ihre kleinen Patienten parat. Dieses Glückserlebnis zum Schluss senkt das SEV und lässt uns die Behandlung weniger unangenehm in Erinnerung.

Mutter-Natur bedient sich dieses Tricks schon um einiges länger. Die Geburt, ist eine der schmerzhaftesten Erfahrungen die eine Frau machen kann und dennoch geben 90% aller Frauen einer schwedischen Studie an, dass das Erlebte positiv bis sehr positiv war. Wieso? Kurz nach der Geburt schüttet der Körper Unmengen an Glückshormonen aus. Das wiederum senkt den Mittelwert der Schmerzskala des Erinnernden-Selbst. Dadurch wird die Geburt als positiv in unserem Gedächtnis abgespeichert und so stellt die Natur sicher, dass weiter Babys gezeugt werden.

Die meisten unserer Entscheidungen werden vom Erinnernden-Selbst getroffen. Um auf unser Urlaubsbeispiel wieder zurückzukommen, ein Großteil der Menschen würde den Urlaub wählen, bei dem sie sich nach dem Erlebnis auch daran erinnern können. Denn es zählen nicht die Erfahrungen, sondern die Erinnerungen in Form von Geschichten die wir damit verknüpfen.

Wenn du mehr über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft des Menschen erfahren möchtest, dann kann ich dir Yuval Noah Meisterwerk Homo Deus ans Herz legen. Diese Blogartikel wurde von Yuvals Buch maßgeblich beeinflusst.

 

Was bedeuten diese Erkenntnisse für unser alltägliches Leben?

Ob es Kriege sind wie jüngst in Afghanistan oder dem Irak, die noch viele Jahre nach dem offiziellen Sieg gefochten werden, ob es Bankenrettungen sind oder die längst schon gescheiterte Beziehung. Das Erinnernde-Selbst zieht immer den Mittelwert und sagt sich, „na, wenn ich schon so viele an Zeit, Menschenleben und Kapital investiert habe, sollte ich es zu Ende führen.“ Egal was es noch kostet, lieber mit der Lüge weiterleben, dass alles nur halb so schlimm ist, als sich die Wahrheit eingestehen und als Dummkopf dastehen.

Die meisten Menschen identifizieren sich mit dem Erinnernden-Selbst, denn das sind all die Geschichten die wir uns über unser Selbst erzählen. Doch laut der aktuellen Forschung sind die meisten unserer Erinnerungen sowieso nicht so passiert, wie es uns unser Gehirn weismachen möchte.[2]

Der geborene Geschichtenerzähler.

Eine Karikatur des Menschlichen Gehirns.
Abbildung menschliches Gehirn.

Im Kern sind wir alle geborene Storyteller und das sollten wir uns Tag täglich bewusst machen. Unser Ich ist genauso wie Nationen, das Geldsystem und Religionen konstruierte Konzepte. Unsere Erfahrungen werden als unvollständige Geschichten abspeichert, mit Szenen aus unseren Lieblingsfilmen, Büchern und Songs aufgefüllt und daraus konstruiert unser Erinnerndes-Ich ein plausibles Szenario, welches uns ein Gefühl der Kontrolle und Selbstsicherheit gibt. Daraus weiß ich wer ich bin, woher ich komme und wohin ich gehen möchte. Doch letztendlich ist es immer nur eine konstruierte Geschichte. Erschreckend, nicht wahr?

Übung – Wie komme ich daraus?

Was wenn du aus diesem Konstrukt ausbrechen möchtest? Hier ist Begegnung mit anderen Menschen eine der besten Möglichkeiten um dir ein breiteres Bild von deinem Selbst zu machen. Ob es ein ehrliches Gespräch mit einer Freundin ist, eine Reflexion mit dem Mitarbeiter oder die Sitzung mit dem Coach, gutes Zuhören, Neugierde, Interesse und Fragen können dir dabei helfen ein vollständiges Bild von dir zu bekommen und deine Geschichte ein Stück weit vollständiger zu machen.

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Wie Storytelling unseren Charakter beeinflusst und sogar die Weltgeschichte verändert hat, erfährst du in meinem vorherigen Blog-Artikel: Der erschreckende Einfluss von Storytelling!

[1] Daniel Kahneman 2016, Schnelles Denken, langsames Denken im Pengiun Verlag erschienen.
[2] Julia Shaw, Stephen Porter, „Constructing Rich False Memories of Committing Crime“, Link – Artikel: Der vermeintliche Verbrecher

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